Birkenrinde

Birkenrinde

Allgemeine und besondere Informationen

Näver ist das schwedische Wort für Birkenrinde, ein wunderbares natürliches Material mit einzigartigen Eigenschaften.
Die Rinde verfügt über antiseptische und antibakterielle Eigenschaften und ist somit hervorragend für die Aufbewahrung von Lebensmitteln geeignet, sie ist atmungsaktiv, feuchtigkeitsregulierend und die ätherischen Öle der Rinde gewähren Schutz gegen Schimmel. Dieses Wissen machten sich die Völker Skandinaviens, Russlands und Kanadas seit Urzeiten zu Nutze. Schon seit dem Altertum wurde z.B. die Birke in Russland als ein Symbol angesehen. Wertvolle Vorräte wurden in selbst gefertigten Behältern aus naturbelassener Birkenrinde gelagert. Im Norden Amerikas hatten die Waldlandindianer das Birkenrindenkanu entwickelt, womit auch große Lasten sicher transportiert werden konnten. Die Birken für ein Kanu mussten einen Stammdurchmesser von mindestens 70 cm haben und auf einer Länge von 6 Metern astfrei sein. Die dem Baum zugewandte glatte Seite war am Boot außen und es wurde durch Aussteifung von innen mit Holz in Form gebracht. Als jedoch diese riesigen Birken, die den Rohstoff Rinde an einem Stück lieferten, immer seltener wurden, entwickelten die Europäer ein Kanu aus einem alternativen Werkstoff, die Holz-Canadier.
Im Jahr 1998 hat eine Gruppe der Volkshochschule in Kronoby in Finnland, nach der Beschreibung von Samuel Chydenius (18.Jh. Finnland) und den alten Kanumodellen der Indianer, solch ein „Näverkanu“ nachgebaut und es fährt! Siehe
LINKS (www.chydenius.fi/anders/digiluku/TUOHIART/PHNV5.HTM )
Die Rinde wurde auch für die wasserdichte Abdeckung der Dächer von Schuppen und Speichern verwendet, ebenso hat man die Wände von Kuhställen damit verkleidet, um Feuchtigkeit und Schimmelbildung zu vermeiden. In Schweden und auch in Russland hat die Birkenrinde in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einige Kunsthandwerker inspiriert, dieses Handwerk wieder aufleben zu lassen.
Noch heute werden in den Kunsthandwerkerschulen in Schweden Kurse zu den verschiedenen Techniken der Verarbeitung abgehalten.
Was ist nun so besonders an der Rinde der Birke? Die äußerste Schicht der Birkenrinde, auch Bast genannt, erneuert sich ständig. Nur wenige Baumarten haben eine derartige Schälrinde, die sich in feinsten Streifen, die unglaublich zäh und widerstandsfähig sind, abnehmen lässt.
Durch Destillation gewinnt man aus Birkenrinde Birkenteer und Birkenteeröl, das vor allem in Russland zum Tränken des mit Weidenrinde gegerbten Leders verwendet wird und dem Parfüm „Russisch-Leder“ zu seinem eigenartigen Modergeruch verhilft.
Der Birkenrindenteer hat hervorragende Klebeeigenschaften. „Ötzi“, der Mann aus dem Eis, benutzte diesen Kleber, um seine Pfeilspitzen und seinen Feuersteindolch an der Holzschäftung zu befestigen.
Die Birkenrinde eignet sich auch zum Färben von Wolle in Braun- und Grautönen.
Im Frühjahr, wenn die Birken richtig im Saft stehen, wurden in ihre Stämme Löcher gebohrt und mit eingeführten Gänsefederkielen in Gefäßen der abtropfende Birkensaft gesammelt, ein erfrischendes heilkräftiges Getränk. Birkenhaarwasser gibt es noch heute als Mittel gegen entzündete Kopfhaut, auch soll der Birkensaft eine rosige Gesichtsfarbe und reine Haut bewirken.
Die Heilwirkung der Birke war bei den nordischen Völkern auch von alters her bekannt. Auf Wunden, Geschwüre und Abszesse legte man früher frisches Birkenlaub. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal etwas unbeholfen versuchte, Rinde von einem gerade gefällten Baum abzunehmen, fügte ich mir mit einem sehr scharfen Messer eine recht tiefe Schnittwunde an der Hand zu. In Ermangelung eines Pflasters drückte ich ganz fest ein Stück der gerade geernteten Rinde auf die Wunde und siehe da, am nächsten Tag war alles verheilt ohne Entzündung, ohne lange Blutung.
Die Inhaltsstoffe der Birkenrinde, das Birkenrindenöl und besonders die Betulinsäure müssen wundersame Eigenschaften haben: Eine Kinderonkologin der Universität Ulm hat 2002 herausgefunden, dass die Betulinsäure wahrscheinlich bald therapeutisch in der Krebsbehandlung genutzt werden kann, denn dieser Stoff ist in der Lage, Krebszellen dazu zu bewegen, sich selbst zu zerstören. In der Zellkultur konnte dies bei speziellen Tumoren des Nervensystems nachgewiesen werden. Frau Dr. Simone Fulda wurde für diese Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Kinderonkologie mit einem Preis ausgezeichnet. (www.krebskompass.de/Krebsnews/article/Krebsforschung/1031952780.html) s.
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Um die Birkenrinde für kunsthandwerkliche Arbeiten verwenden zu können, muss man wissen, wie man an das Material heran kommt. Nicht jede Birke gibt ihre Rinde einfach so her, nicht jede Birkenart ist für das Ernten der Rinde geeignet. Ich hatte 2001 das Glück, an einem Kurs „Arbeiten mit Birkenrinde“ mit Karin Lundholm aus Schweden teilzunehmen. Seit etwa 40 Jahren bemüht sie sich um die Erhaltung dieses alten Kunsthandwerks und weihte uns in die Geheimnisse dieses wunderbaren, lederartigen Materials ein. Für die Ernte von Flechtrinde eignet sich am besten die Glasbirke (Betula pubescens), nur wird man diese in Deutschland kaum finden, aber in Skandinavien und Russland schon eher. Dort sind die Vegetationszeiten viel kürzer und damit auch intensiver als in unseren Breiten und man kann im Frühsommer, wenn die Birke voll im Saft steht, die Rinde mit einer speziellen Technik vom Baum abnehmen. Wenn über weite Teile des Baumes die Rinde abgeerntet wird, wird der Baum danach zugrunde gehen, denn in dieser Schicht wird das „Lebenselixier“ nach oben in die Äste und damit zu den Blättern transportiert. Einen fehlenden schmalen Streifen kann eine Birke verkraften, sie bildet dann dort eine Borke, die Rinde selbst kann nicht nachwachsen. Es ist keine leichte Arbeit, die Rinde rund um den Baum vorsichtig abzuschälen, daher gibt es auch heute nur noch wenige Menschen, die diese Arbeit machen und es bedarf einiger Beziehungen, um an eine gute Rindenqualität heranzukommen.
Wie schon erwähnt, kann man also die Rinde, in Streifen geschnitten und gesäubert, verflechten und sie, gereinigt im Stück belassen, zu Dosen verarbeiten. Werden mehrere Lagen der Birkenrinde verstärkt, indem man sie mit Birkenwurzel vernäht, erhält man wunderschöne Gefäße. In Museen in Schweden findet man auch traditionell bemalte und mit Stempeln verzierte Behältnisse, die auch mit Stoff verziert sein können. Alle Gefäße habe die tollen Eigenschaften, dass sie weich und leicht sind, wasserdicht und antibakteriell, gegen Wärme und Kälte isolieren und sie sind auch sehr stabil.
Also gibt es vielfältige Anwendungsmöglichkeiten für die Verarbeitung. Aus geflochtener Rinde können Topfuntersetzer, Körbe, Rucksäcke, Taschen, Schuhe usw. hergestellt werden und aus der ganzen Rinde z. B. Dosen mit Holzboden und Holzdeckel zur Aufbewahrung von Keksen, Brot, Kaffee, Tee, Gewürzen und vielem mehr.
Übrigens sind Kekse noch nach Monaten knusprig, wenn man sie darin aufbewahrt.